Grabgesänge auf den Dollar

Warum auch totgesagte Währungen länger leben.

Der Krieg in der Ukraine, die Sanktionen des Westens gegen Wladimir Putin und seine Oligarchen sowie die Umkehrung des globalen Energiemarktes und der wachsende Einsatz von Devisen als Waffe haben düstere Vorhersagen über das globale Währungssystem zur Folge. Die Unsicherheit, die dadurch entsteht, treibt die Nachfrage nach Gold und Sachanlagen zusätzlich in die Höhe.

Ja: Vordergründig betrachtet ist einiges in der vom US-Dollar dominierten Welt der Währungen in Bewegung gekommen. Saudi-Arabien will seine umfangreichen Öl-Exporte an China möglicherweise in Yuan abrechnen. Indien, der drittgrößte Öl-Importeur der Welt, soll planen, seine Lieferungen von Öl aus Russland in Yuan oder Rupien zu begleichen. Die Verwendung der landeseigenen Währung – der Rupie – wurde zuletzt jedoch ausgeschlossen. Wladimir Putin wollte russische Gaslieferungen nach Europa von Euro auf Rubel umstellen, hat aber von diesem Plan gerade wieder Abstand genommen, nachdem die G7 unter Verweis auf laufende Lieferverträge sich weigerten, der Forderung nachzukommen.

Auch andernorts werden Pläne vorangetrieben, die dazu dienen sollen, die Vormachtstellung des „Petro-Dollars“ zu beenden oder zumindest zurückzudrängen. China hat im März 2018 nach jahrelanger Vorbereitung an der Shanghai International Energy Exchange auf Yuan lautende Öl-Future-Kontrakte eingeführt. Mit deren Hilfe soll nicht nur Chinas Einfluss auf die Preisbildung an den Rohstoffmärkten ausgedehnt, sondern auch die Rolle seiner Landeswährung gestärkt werden. Die Volksrepublik versucht bereits seit Jahren über ihre Zentralbank, die People´s Bank of China, wichtigen Handelspartnern Dollar-Alternativen schmackhaft zu machen.

Seit den Dollar-Sanktionen, die auf die Angliederung der Krim 2014 folgten, entwickeln China und Russland zudem gemeinsam grenzübergreifende Zahlungssysteme, die ohne Dollar-Clearing auskommen sollen. Russische Banken im Westen zum Beispiel können Rubel über ihre eigenen Systeme leicht nach Russland transferieren. Mehr noch: Seit der Invasion der Ukraine scheinen auch die Pläne diverser Notenbanken für die Einführung digitaler Währungen erhöhte Priorität zu genießen und forciert zu werden. So wollen Kanadas Zentralbank und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) gemeinsam eine staatlich ausgegebene Krypto-Währung („Central bank digital currency“) entwickeln. Ziel ist ein komplett digitalisierter Kanada-Dollar. Der Rat der EZB hatte seinerseits schon im Juli 2021 eine zwei Jahre währende Untersuchungsphase für einen digitalen Euro beschlossen.

Seit Wochen wird in großen Publikationen rund um die Welt über eine „De-Dollarisierung“ spekuliert, ein Ende der weltweiten Dollar-Dominanz beschworen, ein „Kampf um die Weltwährung“ an die Wand gemalt oder gar eine global geteilte „bipolare Finanzwelt“ mit einer vom Dollar beherrschten Nordkugel und einer Südhalbkugel, in der ein Gold- oder Rohstoff-basierter „Renminbi“ (Chinesisch: „Volkswährung“) dominiert. Nicht nur mit Blick auf Zahlungsströme, Wechselkurse und Preisbildung im Welthandel hätte das enorme Auswirkungen. Eine derartige Teilung würde auch Börsen-Investments viel aufwändiger machen und Investoren zum Abschied aus Währungsanlagen bewegen, oder gar die Flucht in Sachwerte weiter verstärken – mit einer verheerend beschleunigten Inflation, unter der dann alle leiden würden.

Doch danach sieht es zumindest auf absehbare Zeit nicht aus. Noch immer werden fast vier Fünftel des Welthandels in Dollar abgewickelt. Der Dollar-Anteil an den weltweiten, offiziellen Devisenreserven liegt bei 60 %. Zudem sind für viele Notenbanken im Rest der Welt deren Dollar-Bestände eine Art Lebensversicherung, falls es zu Währungskrisen kommt. Das allein sichert eine stabile Nachfrage nach Dollars. Und laut der Webseite des US-Finanzministeriums sind von Januar 2021 bis Januar 2022 die Treasury-Bestände (US-Anleihen) ausländischer Anleger und Investoren von 7,12 auf über 7,66 Billionen Dollar angestiegen. Eine „Flucht“ sieht anders aus. Und das hat gute Gründe: Der Yuan (chinesisches Wort für Dollar), wie die Chinesen ihren Renminbi nennen, hat bisher nur einen Teil der wichtigen Merkmale, die breiter genutzte Währungen haben. Ihm fehlen vor allem die freie Preisbildung und ein offenes, transparentes Finanzsystem als Fundament. Kapitalkontrollen sind ebenfalls ein großer Nachteil.

Auch ist es fraglich, ob – und wenn ja, wie sehr – zum Beispiel Saudi-Arabien als strategisch wichtiger Öl-Exporteur den Yuan als Alternative zum Dollar wirklich braucht. Eine Umstellung auf Yuan würde die Exporte nach China nicht unmittelbar beflügeln. Und der Druck zur Umstellung ist begrenzt. Denn China braucht seine Öl-Importe dringender als Saudi-Arabien eine andere Währung braucht. Bisher spielt der Yuan als Zahlungsmittel im Welthandel mit Produkten und Dienstleistungen trotz sichtbarer Zuwächse in den vergangenen Jahren immer noch eine stark untergeordnete Rolle. Laut SWIFT rangiert die chinesische Währung mit einem globalen Anteil von 2,7% an den Transaktionen weit hinter dem Dollar, dem Euro und dem britischen Pfund.

Die heutige Bedeutung des „Petro-Dollars“ und seiner Dominanz ergeben sich aus der jüngeren Geschichte: Mit der Aufgabe des Gold-Standards, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Bretton-Woods-Regime eingeführt worden war, kam 1973 der heutige Petro-Dollar. Saudi-Arabien verpflichtete sich, seine gesamten Öl-Exporte in Dollar abzurechnen und seine Überschüsse in US-Anleihen anzulegen. Im Gegenzug gaben die USA den Saudis Sicherheitszusagen für deren Ölvorkommen und verpflichteten sich zu Waffenlieferungen. Mit diesem Abkommen stieg weltweit die Nachfrage nach dem „Greenback“ an – und damit auch nach US-Schuldscheinen. Die USA konnten sich fortan im Rest der Welt nach Belieben verschulden.


Von Markus Gärtner

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